Warum zwei Männer Pädagogen eines Kinderheims der Misshandlung bezichtigen


Mark Lang und Dennis Wagner haben einen Teil ihrer Kindheit im Kinderheim Graf in Ellwangen verbracht. Eine Zeit, an die beide Männer, wie sie sagen, kaum gute Erinnerungen haben. Ihr Vorwurf: Einzelne Mitarbeiter haben ihre Stellung ausgenutzt, um die damals Minderjährigen zu demütigen und zu misshandeln.

Ihre Schilderungen reichen von erniedrigenden Rollenspielen bis hin zu körperlichen Übergriffen. Alexander Schäfer, Leiter des Kinderheims, kennt die Vorwürfe von Wagner und Lang. Er zeigt sich offen, gemeinsam mit den beiden eine Lösung zu finden. Allerdings hegt er auch Zweifel daran, dass sich alles, was die beiden berichten, auch wirklich so zugetragen hat.

Vorwürfe richten sich gegen Pädagogen, die in Intensivgruppe gearbeitet haben

Lang und Wagner lernen sich Anfang der 2000er–Jahre kennen. Gemeinsam wohnen sie im Kinderheim Graf in einer Intensivgruppe, Lang von 2001 bis 2005, Wagner von 1999 bis 2006. Mittlerweile leben die Anfang 30–Jährigen im Raum Schorndorf, halten weiterhin den Kontakt.

Die Vorwürfe würden sich nicht gegen alle Pädagogen richten, die in dieser Intensivgruppe gearbeitet hätten. „Es gab auch welche, die ich richtig gern hatte, die sogar mütterlich waren“, sagt Wagner. Und dann habe es noch die gegeben, die „ihre Machtposition gerne einmal ausgenutzt haben“. Vier sollen es gewesen sein, die sich bestimmte Kinder herausgepickt hätten. Als mögliche Gründe nennt Wagner „Antipathie“ gegen einzelne Bewohner und hohe Arbeitsbelastung.

Meine Bestrafungen hatten häufig mit Bewegung zu tun‟,

sagt Dennis Wagner, der von 1999 bis 2006 im Kinderheim Graf gelebt hat.

Doch nichts würde die Art und Weise rechtfertigen, mit der sie behandelt worden wären, betont Mark Lang. „Strafen dienten mehr zu Demütigung und persönlichen Belustigung.“ So soll Dennis Wagner beispielsweise gezwungen worden sein, spätabends mehr als 100–mal ums Haus zu laufen. „Meine Bestrafungen hatten häufig mit Bewegung zu tun“, sagt er. Ähnliches weiß Mark Lang zu berichten. Nachdem er eine Betreuungskraft beleidigt hatte, soll er gezwungen worden sein, mehr als 1000 Mal einen bestimmten Satz zu schreiben.

Schreibaufgaben als Bestrafung hat es seinerzeit gegeben

Dass es zu der Schreibaufgabe gekommen sein könnte, räumt Alexander Schäfer ein. Es habe früher bei „gravierendem Fehlverhalten“ durchaus die Möglichkeit gegeben, die jungen Menschen aufschreiben zu lassen, was von ihnen erwartet werde. Heute werde diese Methode nicht mehr angewandt, erläutert er.

Während eines Zeltlagers im Wald sei es innerhalb der Gruppe einmal zu einem versuchten sexuellen Übergriff gekommen, will sich Dennis Wagner erinnern. Am Abend habe es im Zelt keine Aufsicht gegeben. Ein 14–Jähriger habe einen Neunjährigen zu sexuellen Handlungen aufgefordert, der Jüngere habe das aber abgelehnt. Danach sei dann auch nichts mehr passiert.

Am nächsten Morgen soll der Vorfall einem Betreuer zugetragen worden sein. „Er war außer sich“, sagt Wagner. Daraufhin soll der Pädagoge ein Rollenspiel veranstaltet, den Kindern entsprechende Rollennamen, wie „Spanner“ und „Arschficker–Azubi“, gegeben haben.

Es habe damals tatsächlich den Vorwurf eines sexuellen Übergriffs gegeben, sagt Schäfer. Der sei auch intensiv weiterbearbeitet worden. Es gebe schon Möglichkeiten, Situationen durch Rollenspiele aufzuarbeiten. „Doch ob ein Mitarbeiter, der fachlich qualifiziert ist, einen ’Arschficker–Azubi’ formuliert, das kann ich mir nicht vorstellen.“ Möglich sei, dass diese Begriffe innerhalb der Gruppe gefallen seien und der Mitarbeiter die Begriffe zur Aufarbeitung genutzt habe und um gegebenenfalls Betroffenheit zu erzeugen.

„Käseblatt‟ wurde am Schwarzen Brett ausgehängt

Der Vorfall soll laut Aussage von Lang und Wagner Anlass gewesen sein, dass der Pädagoge angefangen habe, von nun an in regelmäßigen Abständen eine Art „Käseblatt“ zu veröffentlichen. „Auch die Sache im Wald hat er da hineingepackt“, erzählt Wagner. „Das Blatt war öffentlich ausgehängt am schwarzen Brett, und es war schwer beleidigend.“

Der Kollege, der dieses Blatt angefertigt habe, sei schon sehr betroffen und fühle sich angegriffen, sagt Schäfer. Es habe eine gruppeninterne Zeitschrift gegeben, an der Kinder, Jugendliche und Erwachsene zusammengearbeitet hätten. Hier sei aber lediglich versucht worden, Impulse, Ideen und Geschehnisse innerhalb der Wohngruppe zusammenzubringen. Er wolle aber nicht bestreiten, dass der eine oder andere Bericht vielleicht für manchen nicht ganz schön gewesen sei.

Ich war nicht dabei, aber die Sache müsste institutionell aufgeklärt werden“, 

sagt Alexander Schäfer, Leiter des Kinderheims Graf. 

Einmal will Lang einen Witz über Menschen mit Behinderung gemacht haben. Er habe damals nicht gewusst, dass einer der Betreuer einen behinderten Sohn hat. „Der hat mich dann am Fußgelenk geschnappt und mich vom zweiten Stock bis ins Erdgeschoss gezogen. Ich habe jede einzelne Stufe an meinem Hinterkopf gespürt, das werde ich nie vergessen.“

Pädagogen wären zu einem Treffen bereit

Er wolle nicht behaupten, dass Mark Lang die Sache „vielleicht falsch erlebt hat“, sagt Schäfer. Er habe den Kollegen darauf angesprochen. Dieser habe ihm versichert, dass die Situation so nicht gewesen sei. „Ich war nicht dabei, aber die Sache müsste institutionell aufgeklärt werden. Der Kollege ist bereit, sich mit Mark Lang zu treffen. Wenn es damals zu gefühlten oder realen Grenzverletzungen gekommen ist, dann bin ich sicher, dass der Mitarbeiter dafür geradestehen wird“, sagt Schäfer.

„Spannend“ sei laut dem Einrichtungsleiter aber, dass der Mitarbeiter danach noch lange mit Lang weitergearbeitet habe, „bis ins Erwachsenenalter hinein“. Er frage sich, warum der Vorfall nicht im Rahmen des weiteren Betreuungsrahmens geklärt worden sei. „Aber wenn es so war, dann ist es schrecklich“, so Schäfer weiter.

Geschlagen worden seien sie nie, erzählt Wagner. Es habe aber eine Maßnahme gegeben, die „besetzt werden“ hieß. Dabei hätten ihnen die Betreuer den Arm nach hinten gebogen und ein Knie auf den Rücken gesetzt. Dass er schon damals Aggressionsprobleme gehabt habe, wisse er. „Doch muss man da wirklich unmittelbaren Zwang anwenden?“, fragt er.

Es komme vor, dass Kinder gegen andere Kinder und Erwachsene aggressiv werden würden, sagt Schäfer. Die Kollegen seien darin geschult, diese Aggressionen zu unterbrechen, wenn dabei andere Personen gefährdet sein sollten. Dabei könne es auch zum Festhalten kommen.

Leiter des Kinderheims will mit Vorwürfen so transparent wie möglich umgehen

Bei solchen Eskalationsmomenten könnten die Kinder laut Schäfer „leicht die Orientierung verlieren“ und in ein „sehr hohes Energiemaß“ kommen. „Sanft festhalten ist in solchen Momenten sehr schwierig.“ Kinder könnten diese Situationen dann laut Schäfer aber als durchaus demütigend empfinden. Grenzen erleben sei „ein sehr komplexes Thema in der Jugendhilfe“. „Ich halte es hier so, dass die beiden Menschen, die uns das vorwerfen, tatsächlich diese Grenzen anders erlebt haben, als wir sie vielleicht erleben.“ Er wolle nicht behaupten, dass es nicht vielleicht auch Momente gegeben habe, „die diese Kinder verletzt haben, auf welcher Ebene auch immer“. Doch er sagt auch: „So, wie die Vorwürfe dargestellt werden, räumen sie die Mitarbeiter nicht ein.“

Schäfer möchte mit den Vorhaltungen, wie er sagt, so transparent wie möglich umgehen. Denn: „Es ist völlig egal, wie wir die damaligen Situationen definieren, ob es so war oder nicht. Ob sich jemand falsch verhalten hat oder nicht, es darf nicht passieren, dass diese jungen Erwachsenen dieses Paket mit sich herumtragen und sagen: Ich habe das damals so erlebt“, beschreibt der Einrichtungsleiter seinen Umgang mit den Vorwürfen. „Wir sind betroffen. Uns macht es betroffen, da das Ganze erst einmal völlig an unserem Ziel vorbeigeht, jungen Menschen einen Platz zu geben.“

Schäfer hat die Vorhaltungen zudem mit den zuständigen Aufsichtsbehörden, dem Landratsamt Ostalbkreis und dem Landesjugendamt, besprochen. Auch einen gemeinsamen Termin beim Landesjugendamt hat es bereits gegeben. Das bestätigen Lang und Wagner.

Ehemalige Bewohner sollen Schutzkonzept des Kinderheims mit verbessern

Zudem habe er beiden vorgeschlagen, gemeinsam das Schutzkonzept des Kinderheims zu analysieren und zu verbessern, so Schäfer weiter. Lang sei es aber hauptsächlich darum gegangen, die Adressen der betreffenden Mitarbeiter, von denen einige schon längst nicht mehr im Kinderheim arbeiten, zu erhalten, was Schäfer konsequent abgelehnt habe.

Eine gute Lösung könne man laut Schäfer dann finden, wenn die Vorwürfe irgendwann bei Lang und Wagner ruhen könnten. „Als Einrichtung werden wir uns der Verantwortung stellen. Für eventuell stattgefundenes Fehlverhalten möchte ich mich offiziell, förmlich und höflich entschuldigen.“ Auch die beschuldigten Mitarbeiter würden für Gespräche bereit stehen. „Ich stehe jederzeit zur Verfügung, in die Aufarbeitung zu gehen“, betont Schäfer.



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