und-Leben.de – Unter Medikamenten missbraucht? Was ein Heimkind bei Ordensfrauen erlebte


Klaus-Dieter Bach ist bereits 63 Jahre alt, als er sich bewusst mit seiner Vergangenheit als Heimkind auseinandersetzt. Was er erlebte, hat bis heute die Wucht, ihn zu traumatisieren.

Er weiß genau, was er gleich wieder tun wird. „Arbeiten, arbeiten, arbeiten“, sagt Klaus-Dieter Bach. Zu intensiv wird ihn seine Vergangenheit als Heimkind einholen. Zu stark werden seine Reaktionen ausfallen – seine Gefühle, seine Wut, seine Ängste.

Jedes Gespräch über seine Kindheit wirkt so. Deshalb wird der 68-Jährige nachher das machen, was er seit seiner Entlassung aus dem Kinderheim vor etwa 50 Jahren immer gemacht hat. „Arbeiten, um schnell auf andere Gedanken zu kommen.“

Geschichte einer grausamen Kindheit

Bach sitzt am Tisch im Wohnzimmer seines Bauernhofs am Niederrhein. Die Kulisse spiegelt sein Innenleben. Überall wartet Arbeit: Im Stall, auf der Weide, in den vielen Zimmern. Er hat den Blaumann nicht ausgezogen, will im Anschluss direkt zu den Pferden.

Auch auf dem runden Tisch vor ihm ist das unsortierte Ergebnis jahrelanger Arbeit zu sehen, die noch lange nicht beendet ist. Dokumente, Briefe, Bücher, Zeitungsartikel und Bilder liegen übereinander: Die Geschichte seiner grausamen Kindheit.

Bettnässen als Symptom und Auslöser von Erniedrigung

„Die war lange kein Thema“, sagt er. „Sie war weggesperrt in meinem Unterbewusstsein.“ Als er mit 18 Jahren das Franz-Sales-Haus in Essen verließ, betrat er ein anderes Leben.

Von einem Erlebnis spricht er wie von einem Beweis dafür: „Ich habe sofort aufgehört, ins Bett zu nässen.“ Bis dahin war das seine stetige Reaktion auf Erniedrigung und Missbrauch gewesen. Und immer wieder ein neuer Anlass, ihn zu demütigen und zu missbrauchen.

Schon als Säugling im Heim

Als er im Säuglingsalter in das Heim St.-Josef-Stift in Wachtendonk kam, begann dieser Weg. „Ich war total kaputt“, sagt Bach. Was er nur aus Unterlagen von damals weiß, die er sich besorgte. „Stark erkältet, ängstlich, unterernährt, blaue Flecken“, steht in einem Aufnahme-Dokument von damals.

Das Jugendamt hatte ihn eingewiesen – seiner Mutter war die Obhut entzogen worden. Diese Spuren wurde er seine gesamte Kindheit nicht los. „Ich war immer schüchtern und krank, habe mich immer wieder eingenässt, suchte krampfhaft Anerkennung.“

Als „schwachsinnig“ eingestuft

Mit elf Jahren kam er ins Franz-Sales-Haus nach Essen. „Das war die Zeit, in der ich langsam in das rebellische Alter kam.“ Die Einrichtung wurde von den Barmherzigen Schwestern der Heiligen Elisabeth geführt. Sie galt als Anstalt für Menschen mit geistiger Behinderung.

„Ich war sicher nicht leicht zu bändigen“, blickt Bach zurück, „geisteskrank aber sicher nicht.“ Trotzdem wurde auch er als „schwachsinnig“ eingestuft.

Studien über sein Heim

„Die Schwestern waren alles andere als barmherzig.“ Bach sagt das nüchtern, während er auf die Schriftstücke vor sich blickt. Dort liegen auch die Bücher und Studien, die über die Zustände im Franz-Sales-Haus in den 1960er und 1970er Jahren berichten.

Erzählt wird darin von Erniedrigung, physischer und psychischer Gewalt, sexualisierten Übergriffen und Medikamentenmissbrauch. Die katholische Einrichtung der Behindertenhilfe hat sich selbst für die Aufarbeitung dieser Zeit starkgemacht. Wissenschaftler der Universität Bochum haben dabei in ihrem Auftrag ein besonderes Augenmerk auf den Einsatz von Arzneimitteln gelegt.

Spießrutenlauf über den Hof

Die Nüchternheit, mit der Bach von all dem berichtet, schützt ihn davor, dass ihn die Verletzungen aus jener Zeit noch einmal abstürzen lassen. Er reiht die erschütternden und seine Kinderseele zerstörenden Erlebnisse sachlich aneinander.

Da war das Spießrutenlaufen: „Immer, wenn ich ins Bett genässt hatte, musste ich mit meiner Bettwäsche einen Umweg über den Hof zur Wäscherei machen, damit alle sahen, was ich getan hatte.“

Sieben Jahre Einzelzelle

Da waren die Bestrafungen für seine nächtliche Inkontinenz: „Ich musste stundenlang mit nackten Knien auf einer harten Bastmatte hocken, saß im eiskalten Badewasser oder bekam ab Mittag nichts mehr zu trinken.“

Und da waren Isolations- und Fixierungstrafen, wenn er mal jugendlich frech wurde. „Ich habe sieben Jahre in einer kleinen Einzelzelle nur mit Bett und Eimer geschlafen und nicht im Schlafsaal – manchmal steckten sie mich in eine Zwangsjacke.“

“Anti-Unruhe-Stifter-Tabletten”

Er zieht eine Kladde aus dem Papierstapel vor ihm. Es ist ein wissenschaftliches Buch, es belegt den damaligen Einsatz von Medikamenten in Heimen, um sozial unerwünschtes Verhalten zu unterbinden. In einer Tabelle sind Wirkstoffe zu finden, die den Kindern verabreicht wurden, zumeist Psychopharmaka.

Bach hat ihnen einen eigenen Namen gegeben: „Anti-Unruhe-Stifter-Tabletten. Wenn du eine bekamst, wurde dir erst kalt, dann warm und dann warst du völlig weggetreten.“ Im Erziehungsalltag wurden sie so zur Disziplinierung der Kinder eingesetzt. Die Studie der Universität Bochum bestätigte zudem, dass im Franz-Sales-Haus mindestens ein Medikament so vor seiner Markteinführung getestet wurde, „unter Inkaufnahme erheblicher Nebenwirkungen für die Heimkinder“.

Die “Kotz-Spritze”

Die Pillen hatten unterschiedliche Farben. Daran erinnert sich Bach noch gut. „Beim Morgenappell mit den Schwestern musste jeder eine oder mehrere schlucken – ich bekam immer die gelbe.“

Wer nicht gehorchte, lief Gefahr, eine Spritze zu bekommen, die noch heftiger wirkte, so Bach. „Wir nannten sie die Kotz-Spritze, denn uns wurde davon speiübel.“

Schneidezahn ausgeschlagen

Bach glaubt, dass auch er damals als „Versuchskaninchen“ benutzt wurde. Immer wieder habe er Fragen zu den Wirkungen der Medikamente beantworten müssen, es seien Akten angelegt worden. „Ich galt ja als extrem verhaltensauffällig und eignete mich deshalb wohl sehr gut für die Studien.“

Wenn er sich weigerte zu kooperieren, wurden einzelne Schwestern auch gewalttätig, erzählt Bach. „Eine schlug mir mal mit dem Kochlöffel meine oberen Schneidezähne aus.“

Sediert missbraucht?

Einen großen Teil seiner Kinder- und Jugendzeit verbrachte Bach sediert, sagt er. „Ich habe vieles nur wie in Trance erlebt.“ Auch sexuellen Missbrauch, da ist er sich sicher.

Nicht nur der Leiter der Einrichtung, auch die Schwestern hätten sich an ihm „vergangen“. Ein verharmlosendes Wort, das er nutzt, um Unvorstellbares zu beschreiben: Vom Einsatz einer langstieligen Bürste bei der Morgenwäsche seines Intimbereichs bis hin zu massiven sexuellen Handlungen. „Einmal musste ich den Missbrauch im Bett einer Schwester beichten und versprechen, nach der Vergebung der Sünde nie wieder darüber zu sprechen.“

Die Volljährigkeit

All diese Erlebnisse ließ Bach nicht mehr an die Oberfläche, als er mit seiner Volljährigkeit das Franz-Sales-Haus verließ. „Ich war hart geworden, kämpferisch und gewieft.“

Eigenschaften, die ihn beruflich weit brachten. Er machte eine Metzgerlehre und arbeite sich in einer großen Schlachterei hoch bis zur Leitungsebene.

Niemand wusste etwas über sein Schicksal

Schon mit 21 Jahren heiratete er. Fotos an der Wand zeichnen das Bild eines Lebens zwischen den Taten und der Auseinandersetzung damit. Sie zeigen Bach beim Reit-Turnier, bei den Karnevalisten und auf seinem Motorrad.

Ein Mann, der lächelt. Weder seine Arbeitskollegen noch seine Familie ahnten all die vielen Jahre, was er erlebt hatte. „Sie wussten nur, dass ich ein Heimkind war – alles andere wollte ich nicht preisgeben.“

Bilder des Schreckens

Alles andere. Als er vor fünf Jahren in Rente ging, wühlte sich das wieder nach oben. „Ich hatte zu viel Zeit nachzudenken“, sagt Bach. Auch die öffentliche Aufmerksamkeit, die der Missbrauch in Heimen bekam, triggerte seine eigene Auseinandersetzung an.

Es begann eine Zeit, in der er immer wieder Pausen brauchte, um Kraft für neue Schritte zu finden. Er nahm wieder Kontakt zum Franz-Sales-Haus auf, zur Ordensgemeinschaft der Barmherzigen Schwestern der Heiligen Elisabeth, zu anderen Betroffenen und zu Hilfsangeboten.

Und er begann, Bilder zu malen von einzelnen Erlebnissen, an die er sich erinnerte. Es sind einfache Figuren, die er malt, nur wenige Striche bilden die Kulisse. Und doch ist eindeutig zu erkennen, wie der Arzt mit der Spritze vor ihm steht oder der Missbrauchstäter bei einer Ferienfreizeit zu ihm ins Zelt kommt.

Tiefschläge bei der Verarbeitung

Er will das alles allein schaffen, sagt Bach. „Zum Psychologen will ich nicht.“ Wenngleich es bei der Bewältigung des Erlebten so manchen harten Tiefschlag gab.

Wenn sich Schwestern, die er mit Gewalt und Missbrauch in Verbindung brachte, am Telefon verleugnen ließen. Als er vom Tod seines Freundes aus dem Heim erfuhr, der sich schon mit 24 Jahren das Leben nahm. Wenn er sich im Kontakt mit den Verantwortlichen immer wieder in der Defensive fühlte. „Da glaubt einem keiner – ich selbst muss beweisen, was ich vor Jahrzehnten erlitten habe.“

Arbeit als stärkstes Gegenmittel

Mittlerweile hat er eine Entschädigung erhalten. Ein niedriger fünfstelliger Euro-Betrag. Den hat er für seinen Enkel angelegt, der an einer unheilbaren Muskelerkrankung leidet. Bach kümmert sich um ihn, so oft es geht, erzählt er. Auch in der Entwicklungshilfe ist er aktiv, war schon einige Male in Afrika, um dortigen Kinderheimen Spenden zu bringen.

Aktivität ist immer noch sein stärkstes Mittel gegen die Qual der Erinnerungen: „Arbeiten, bis ich total erschöpft bin und nicht mehr daran denken muss.“ Wenn er dann nachts doch mit Ängsten aufwacht, steht er auf und schaut nach den Tieren auf dem Hof. So wie er das jetzt auch möchte. Das Gespräch hat ihm wieder stark zugesetzt.

Franz-Sales-Haus: Wissenschaftliche Aufarbeitung von Medikamentenmissbrauch
Zwei wissenschaftliche Studien haben sich mit der Geschichte von Medikamentenmissbrauch im Franz-Sales-Haus in der Nachkriegszeit auseinandergesetzt:

Uwe Kaminsky / Katharina Klöcker: “Medikamente und Heimerziehung am Beispiel des Franz-Sales-Hauses. Historische Klärungen – Ethische Perspektiven.” – Aschendorff-Verlag Münster 2020, ISBN 9783402246979

Sylvia Wagner: “Arzneimittelversuche an Heimkindern zwischen 1949 und 1975” – Verlag Mabuse 2020, ISBN: 9783863215323



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